MJ

Liedpredigt zu: "Befiehl du deine Wege"
Totensonntag 1999

(1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann,

(2) Dem Herren musst du trauen, wenn dir's soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein läßt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

(4) Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

Liebe Gemeinde!

Totensonntag ist heute, auch Ewigkeitssonntag oder Letzter Sonntag im Kirchenjahr genannt. Heute gehen wir auf den Friedhof zu den Gräbern der Menschen, die wir dort begraben mussten. Dort erinnern wir uns daran, was uns diese Menschen bedeutet haben und bedeuten.  Besonders schmerzlich ist dieser Tag für diejenigen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr Abschied von einem Menschen nehmen mussten. Dieses Lied: "Befiehl du deine Wege" haben wir bei vielen Trauerfeiern gesungen. Es beschreibt das Vertrauen eines Menschen zu Gott. Es beschreibt zugleich den Weg, den die Trauer nehmen kann. Es ist ein ehrliches Lied, es spricht von Leid und Schmerz, aber erzählt auch von den Erfahrungen der Hoffnung und der Nähe Gottes. Die ersten Strophen, die wir gerade gesungen haben, sind wie eine Ouvertüre. Mein ganzes Leben, all meine Wege kann ich Gott anvertrauen. Und in diesem Vertrauen, so die Erfahrung Paul Gerhardts, werden sich immer wieder neue Wege eröffnen, auch wenn ich das im Moment vielleicht nicht sehen kann, weil mein Leben sich völlig verdunkelt hat.

 

(6) Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

(7) Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

Das Lied beschreibt den Weg der Trauer aus der Sicht des Vertrauens. Viele von Ihnen haben im letzten Jahr einen Menschen verloren, der Ihnen vertraut war. Ein Mensch, der Ihnen mehr oder weniger nahe gestanden hat.
Mann oder Frau.
Vater oder Mutter.
Bruder oder Schwester.
Oma oder Opa.
Freund oder Freundin, Nachbar oder Nachbarin.
Sie haben miterlebt, wie ein Lebensweg abgebrochen ist. Manchmal ganz plötzlich, manchmal lange erwartet. Sie haben damit zugleich erlebt, dass Ihr Lebensweg unterbrochen wurde. Vielleicht tat sich gar ein Abgrund vor Ihnen auf. Sie wussten nicht weiter. Wie weiterleben?

Das waren schwere Tage. Alle möglichen Menschen waren zu informieren, tausend Sachen mussten geklärt werden. Mit Bestatter und Pfarrer musste gesprochen werden. Dann kam der Tag der Beerdigung. Vielleicht haben Sie ihn erlebt wie einen bösen Traum. Zur Kirche gehen, auf den Friedhof gehen, zum Grab gehen, zum Kaffee gehen, nach Hause gehen. Was für ein Weg.

Oft haben wir diese beiden Strophen gesungen. Ob sie damals Ihr Herz erreicht haben? Ich weiß es nicht. Vielleicht war das auch gar nicht möglich. Zu stark die Gefühle, zu viel, was auf Sie einstürzte. Aber vielleicht sagen Sie heute im Rückblick: ja, inzwischen habe ich das schon ein wenig erlebt, je nachdem, wie lange es her ist.
Sich zum ersten Mal wieder über einen Sonnenuntergang freuen können.
Zum ersten Mal wieder über einen Witz lachen können.
Zum ersten Mal eine Zeitlang, vielleicht eine Stunde, einen Nachmittag, einen Tag an all das Schwere nicht mehr denken müssen.
Es könnte gut sein, dass Sie dann in Tränen ausgebrochen sind, weil sie sich gesagt haben, nein, das darfst du doch noch nicht! Du lachst und er oder sie ist nicht mehr da. Und dennoch: es gibt diese ersten Male. Zum ersten Mal wieder so etwas wie Hoffnung. Eine Ahnung von einem anderen Leben. Kaum zu glauben.

 

(8) Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

(9) Er wird zwar eine Weile mit seinem Trost verziehn und tun an seinem Teile, als hätt in seinem Sinn er deiner sich begeben und sollt'st du für und für in Angst und Nöten schweben, als frag er nichts nach dir.

(10) Wird's aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst, so wird er dich entbinden, da du's am mindsten glaubst; er wird dein Herze lösen von der so schweren Last, die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.

Eine Ahnung von einem neuen Leben.
Kaum zu glauben, sagte ich eben, und diese Strophen sprechen auch davon. Es gibt diese Zeit in der Trauer, in der ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemals anders werden könnte. Paul Gerhardt sagt dazu: Erwarte nur die Zeit! Gott sitzt doch im Regimente, ihn lass tun und walten. Er wird dein Herz lösen von der schweren Last.

Gott will nicht, dass wir ewig trauen. Er hat dieses Leben so eingerichtet, dass wir geboren werden und sterben müssen. Die Zeit der Trauer nach einem Verlust ist wichtig, denn sie macht mir deutlich, was ich verloren habe. Nur was mir wertvoll ist, schmerzt mich, wenn ich es verliere. Aber das Leben geht weiter. Solange ich diesen Satz so im Gespräch höre - so als Aufmunterung gedacht oder auch nur aus Verlegenheit gesagt -, ist das ein Satz, der mir nicht weiterhilft. Aber es gibt den Moment, wo ich diesen Satz in mir selber höre, und zwar nicht resignierend, sondern mit dem Gefühl, dass mein Leben doch noch mal leichter werden könnte, da sind wir genau bei der Erfahrung zehnten Strophe. Er wird dich entbinden, da du es am wenigsten glaubst. Das ist so, wie wenn es nach einer langen Nacht langsam am Morgen hell wird. So ganz allmählich erkenne ich die Gegenstände meines Zimmers, und je höher die Sonne steigt, desto mehr und deutlicher kann ich alles erkennen. Im Verlauf meiner Trauer ist das die Erfahrung, dass mir Menschen und Dinge langsam wieder wichtig werden, dass meine Gefühlswelt nicht mehr nur grau und schal und erdrückend auf mich wirkt, sondern das es so ganz allmählich wieder Farben und Freude gibt.

Liebe Gemeinde, das ist der Wille Gottes. Er will nicht, dass ich für immer trauere. Er möchte, dass wir ihm den Verstorbenen oder die Verstorbene anvertrauen. Bei ihm ist oder sie gut aufgehoben. Dafür steht die Erfahrung der Anhänger Jesu am Ostermorgen: Gott hat Jesus nicht dem Tod überlassen. Gott möchte, dass wir dies wissen und ihm glauben, damit wir weiter leben können. Von heute auf morgen geht das nicht, aber mit der Zeit. Das ist der Wunsch Gottes für mich und auch die Erfahrung vieler Menschen, die Paul Gerhardt in diesem Lied ausgedrückt hat. Und dieses Weiter-leben-können beginnt irgendwann einmal. Manchmal, vielleicht auch immer, ich weiß es nicht, fängt dies an, wenn ich damit überhaupt nicht rechne. Planen kann ich das nicht. Ich kann nicht sagen, nach drei Monaten höre ich auf zu trauern. Entscheiden kann ich mich dazu auch nicht, sagen, jetzt höre ich auf zu trauern. Aber ich kann darauf hoffen, weil ich die Erfahrungen anderer höre. Und ich kann Gott darum bitten.

 

(12) Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Mit der letzten Strophe schließt sich der Bogen, das Lied kehrt noch einmal zum Anfang zurück. Das Bild des Weges wird noch einmal aufgenommen. Befiehl du deine Wege dem Gott Jesu, und bitte darum, dass er deine Hände und Füße stärke. Bitte darum, dass er aller Not ein Ende macht. Dies gilt uns allen. Ganz gleich, an welcher Stelle unseres Lebensweges wir stehen. Ganz gleich, ob es zur Zeit ruhig und schön auf unserem Weg vorangeht oder ob wir uns auf einem holprigem, steinigen Abschnitt befinden. Wir wollen beten.

Lieber Vater,
lass mich auf dich vertrauen.
Im Leben und im Sterben.
Lass mich darauf setzen, dass du immer an meiner Seite bist.
Egal auf welchem Abschnitt meines Weges ich mich befinde.
Lass mich darauf hoffen, dass mein Weg niemals in einer Sackgasse endet.
Sondern dass du immer einen Ausweg öffnen kannst.
Bis zu meinem Ende hin, wo mein Weg in deine Hände führt - für immer.

Amen.