Alles hat seine Zeit... (Kohelet/Prediger 3, 1-15.18-22)
Predigt im November 2011
matthias jung
Alles hat seine Zeit... (Kohelet/Prediger 3, 1-15.18-22)
Predigt im November 2011
Text nach Luther:
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.
Vergänglichkeit des Menschen.
Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, damit Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie selber sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?(Im Gottesdienst wird der Text zweimal gelesen: Einmal als Lesung nach Luther, als Predigttext nach der Bibel in gerechter Sprache)
Liebe Gemeinde,
eigentümlich vertraut und doch fremd zugleich wirkt dieser Text auf mich.
Einerseits habe ich das Gefühl, ja, das stimmt Wort für Wort. Es gibt Zeiten fürs Lachen und Weinen, für Erfolge und Niederlagen, für Gemeinschaft und Einsamkeit. Ja, das entspricht meinem Lebensgefühl, vielleicht auch meinem Glauben. Gott schenkt mir meine Zeit.
Aber daneben stehen da sehr beunruhigende Verse: Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. - Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. - Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?
Das sind doch merkwürdige, vielleicht verstörende Worte, wo ist denn da der Gaube, die Hoffnung, die Zuversicht, die Liebe? Denk an dich selber, der Tod kommt früh genug und wer weiß, was danach kommt, so könnte man diese Verse zusammenfassen.
Und wie passt beides zusammen? Auf der einen Seite Gottvertrauen, auf der anderen Seite eine tiefsitzende Skepsis, ob sich all mein Mühen wirklich auszahlt?
Die Zeit, in der Kohelet seine Gedanken zu Papier bringt, hat ein paar Parallelen zu unserer Gegenwart, so können wir in den Büchern der Professorinnen und Professoren nachlesen, die sich der Erforschung des Alten Testaments, der Hebräischen Bibel verschrieben haben. Wir wissen heute, dieses kleine Büchlein ist in einer Übergangszeit entstanden. Etwa 250 Jahre vor der Zeitenwende schreibt Kohelet. In einer Zeit, in der lange vertraute Dinge brüchig wurden. Wo plötzlich nicht mehr galt, was lange unumstößlich war. Und die Zukunft war unsicher.
Israels einstige Macht ist untergegangen, das Leben im Exil ist zwar vorbei, aber Herr im eigenen Land sind die Israeliten nicht mehr. Andere Völker herrschen in Jerusalem, andere Religionen, Sitten, Philosophien sind hier ebenfalls heimisch geworden. Der fromme Jude fragt sich: Was soll das alles? Wo ist Gott hin? Warum überlässt er unser Land, unsere Stadt fremden Herrschern und ihren Göttern? Und warum geht es denen so gut und uns so schlecht? Wo ist Gott? In einer Zeit des Wandels von Werten und Traditionen steht auch Israels Glaube auf dem Prüfstand. Warum noch fromm sein, wenn Gott doch nicht die Guten belohnt und die Bösen bestraft? Vom Vertrauen in die alten Traditionen einerseits und andererseits der Skepsis angesichts einer verwirrenden, verstörenden Gegenwart hin und hergerissen, versucht Kohelet für sich und andere neu zu formulieren, was es denn mit dem Glauben auf sich hat, haben könnte.
Und ich entdecke schon Ähnlichkeiten zu dem Lebensgefühl eines Kohelet und uns heute. Wo ist denn Gott angesichts der ungeheuren Ungerechtigkeiten auf unserem Erdball? Warum schreitet er nicht ein angesichts von Umweltzerstörung und einer schier unglaublichen ungebremsten Bevölkerungsexplosion? Warum können Reiche ungehindert unglaubliche Geldsummen in ihren Geldspeichern ansammeln und dem kleinen Mann, der kleinen Frau wird der Kredit fürs Häuschen gekündigt? Auch unsere Zeit ist eine Zeit des Übergangs. Wir ahnen, wir spüren, es kann einfach nicht mehr so weiter gehen. Das kann nicht gut gehen mit immer weiter Wirtschaftswachstum. Das kann nicht gut gehen mit immer mehr Umweltzerstörung. Das kann nicht gut gehen mit diesen unvorstellbaren Schuldensummen, die tagtäglich um unseren Erdball schwirren - und die ja irgendwann zurückgezahlt werden müssen, doch von wem? Und so weiter und so fort... Es macht Angst. Vor ein paar Tagen sagte mir jemand bei einem Besuch: Ich mach den Fernseher bei den Nachrichten aus, ich kann das nicht mehr ertragen, ich halte das nicht aus, ich mache mir sonst ununterbrochen Sorgen um meine, unsere Zukunft... Gut, ich habe mein Leben weitgehend gelebt, doch was ist mit meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln...?
Und manch eine, manch einer sehnt sich zurück nach der guten alten Zeit und die Versuchung liegt nahe, sich in seinen privaten Bereich zurück zu ziehen. Was kann ich schon groß tun? Essen hat seine Zeit, trinken hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Lieben und hassen, fröhlich sein und trauern. Iss und trink, wenn du kannst, freu dich an den kleinen Erfolgen in deinem Alltag, und lass es ansonsten gut sein, der Tod kommt früh genug. Verführerische Gedanken...
Aber ein Unbehagen bleibt doch. Sollte das am Ende alles gewesen sein? Es ist die Stärke der Bibel, dass sie unterschiedliche Erfahrungen nebeneinander stehen lässt und zu Wort kommen lässt. Das macht den Reichtum des Glaubens aus.
Und spätestens Jesus hat die Akzente anders gesetzt. Im Gleichnis vom großen Weltgericht, wenn die Gerechten kommen und fragen, wo haben wir dich getröstet, gekleidet, besucht? und Jesus antwortet: Was ihr getan habt einem von diesen meinen Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.
Jesus war zutiefst geprägt von dem unerschütterlichen Vertrauen, dass Gott nah ist und uns liebt - trotz aller Widrigkeiten. Jesus war geprägt von der Zuversicht, es ist genug für alle da. Es ist falsch, nur an sich selber zu denken, es sich selber gut gehen zu lassen.
Doch was machen wir nun mit diesem so widersprüchlichen Text, der uns einerseits anspricht, auf der anderen Seite ratlos zurück lässt?
Mir, liebe Gemeinde, fiel dazu folgender Gedanke ein: Wie wäre es, wenn wir das nach Lebensaltern getrennt lesen?
Könnten wir nicht sagen, es ist in Ordnung, wenn Menschen im Ruhestand eines Tages für sich sagen, ich komme da nicht mehr mit, dieser ganze Wandel, diese Sorgen um die Zukunft, es überfordert mich. Ich habe mein Leben gelebt und nun ist es gut. Es müssen andere ran, um die drängenden Fragen bearbeiten. Alles hat seine Zeit, sich abstrampeln und sich zur Ruhe setzen. Wobei das keinesfalls heißen muss, mit 62 oder 65. Es gibt immer mehr Menschen, die zB sagen, also, die Altersgrenze für Presbyter mit 75, das ist ein wenig früh in unserer heutigen Zeit. Aber es geht nicht um eine Zahl, sondern um die Vermutung, es kommt der Tag, wo ein älterer Mensch für sich sagt: Jetzt ist genug gekämpft und abgestrampelt.
Könnten wir nicht weiter sagen, für die junge Generation gilt das gleichermaßen? Überfordern wir nicht die nachwachsende Generation, wenn sie immer früher auf Leistung und Karriere usw. getrimmt wird, schon im Kindergartenalter beginnend? Gibt es nicht ein zu frühes Verantwortung-Übernehmen? Gibt es nicht ein zu frühes Verantwortung-Zuschieben? Ich habe mit meinen Kindern versucht, über die Proteste ins Gespräch zu kommen, die sich derzeit mit der Occupy-Bewegung verbinden. Mein Eindruck war: meine Kinder - und die sind Anfang Zwanzig - haben den Horizont noch nicht. Sie überblicken das alles noch nicht, sind noch zu sehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt. Vielleicht geht es vielen jungem Menschen ebenso? Alles hat seine Zeit, lernen hat seine Zeit und engagieren und Verantwortung-Übernehmen hat seine Zeit?
Aber dann gibt es auch meine Generation, sagen wir so zwischen 40 und 70, ganz grob geschätzt. Wir dürfen uns nicht auf die Ruheinsel zurückzuziehen und sagen, bringt doch alles nichts, lass es sein, geh lieber essen und trinken, soll die Welt doch untergehen. Da wäre dann Jesu Wort vom Weltgericht uns Gericht. Was ihr nicht getan habt meinen Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir nicht getan... Was nicht heißt strampeln ohne Ende, bis das Burn-Out winkt, nein, nein. Aber wenn wir uns den Herausforderungen vor Ort und national und weltweit nicht stellen - wer dann? Jede und jeder nach seinen Möglichkeiten natürlich. Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Kämpfen hat seine Zeit, und Ausruhen, engagieren und zurückziehen, Verantwortung übernehmen und Verantwortung abgeben. Auf diesen grundlegenden Wechsel verweist Kohelet zu Recht und fragt mich, Sie, Euch: Wo stehst du gerade? Was ist für dich jetzt an der Zeit?
Amen.