Matthias Jung


 

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Zeitsprung - Gemeinde 2030

 

 

 

Maß der Mitte - Zwischen Paulus und den Alltagserfahrungen Israels (1. Tim 5,23/Spr 23,29-35)

Predigtreihe "Alkohol in der Bibel" im Sommer 2012

 

Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um des Magens willen und weil du oft krank bist. (1. Tim 5,23)

Sieh den Wein nicht an, wie er rötlich schimmert und wie er im Glas seinen Glanz verströmt: Er gleitet leicht hinunter, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. Dann werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird verdreht reden, dir wird sein, als ob du mitten im Ozean liegst, wenn du so daliegst mit benommenem Kopf. (Sprüche 23, 31-34)

 

Liebe Gemeinde,

unbezweifelbar kann Alkohol in Form von Wein und Bier und anderen Köstlichkeiten unser Herz erfreuen und das Leben verschönern.

Genauso unbezweifelbar hat Alkohol das Leben vieler Menschen zerstört und furchtbares Leid mit sich gebracht. Manch eine und einer zieht für sich daraus die Konsequenz, ganz dem Alkohol abzuschwören. Okay. Aber bereits am letzten Sonntag wurde deutlich, ich kann nicht allen Risiken und Gefährdungen unserer Welt ausweichen. Denn nahezu jede gute Gabe Gottes kann von uns Menschen in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Wir müssen also als Christinnen und Christen leben in einer Welt die schrecklich schön und furchtbar schrecklich ist. Und es stellt sich daher die Frage nach dem rechten Maß im Umgang mit den Dingen dieser Welt.

Einfach ist die Antwort hier nicht zu finden. Einmal reagieren wir Menschen auf sehr, sehr viele Dinge sehr individuell. Da gibt es Geschmacksfragen, aber auch Unterschiede in unseren körperlichen, seelischen und geistigen Reaktionen. Der einen schmeckt der Alkohol, dem anderen nicht. Der eine hat bereits nach einem Glas Wein einen in der Krone, die andere »verträgt« mehr. Wo fängt Genuss an, wo hört er auf? Wie viel ist für meinen Körper, für meine Seele das rechte Maß? Jede und jeder muss diese Frage für sich selber beantworten.

Das wird aber noch dadurch verstärkt, dass wir alle in dem Geflecht der Sünde leben. Wäre – um nur mal beim Alkohol zu bleiben – die Frage nach dem rechten Maß, nach der Grenze des Sinnvollen eine rein mathematisch-physikalisch-gesundheitliche, ach, wäre das einfach. Ich wüsste nach zwei Gläsern ist besser Schluss. Da ist die Grenze, Punkt. Aber so ist es nicht, ich weiß es eben nicht - und dann kommt noch mehr dazu. Versuchung, Verführung, Lust am Gefährlichen, der innere Schweinehund. Spätestens, wenn wir anfangen uns damit ehrlich zu beschäftigen, merken wir, wie schwierig das oft ist. Genau an diesem Punkt stand ich vor längerer Zeit – und entschied mich dazu, diese Reihe von Predigten zu halten, um das Ganze für mich zu durchdenken – und Ihnen Gedankenanstöße zu geben.

Die Bibel ist sehr realistisch. Sie spricht vom Wein, der das Herz erfreut. Oder wie Paulus sagt, trink etwas für deinen Magen, es tut vielleicht manchmal einfach nur gut. Die Bibel weiß von den Freuden des Feierrausches, wenn der Alltag für eine Weile versinkt und wir uns davon tragen lassen aus dem mausgrauen Einerlei. Aber die Bibel erzählt ebenfalls von den Abgründen, den Gefahren und Gefährdungen. Und wo liegen die Grenzen?

Mit den Grenzen ist das so eine Sache. Wenn sie nicht glasklar markiert sind wie in der Straßenverkehrsordnung oder bei der Vermessung unserer Grundstücke, dann ahnen wir sie oftmals nur. Und häufig bemerken wir sie erst, wenn wir sie überschritten haben. Ganz grundsätzlich reagieren wir Menschen auf diese Unsicherheit verschieden. Theologen sprechen da schon mal von starken und schwachen Sünden. »Starke« Sünden sind die, in denen Grenzen bewusst oder unbewusst überschritten werden und damit Leben gefährdet wird, das eigene und/oder das anderer. Wir Menschen gehen dann zu weit. Warum auch immer. Aus Gier, aus Angst etwas zu verpassen, aus Neugier, aus dem Reiz des Verbotenen. - »Schwache« Sünden sind die, in denen wir Menschen weit hinter oder unter unseren Möglichkeiten bleiben und damit Leben verpassen. Aus Angst, Grenzen zu überschreiten bleiben wir möglichst weit weg von ihnen, probieren weniger aus, riskieren weniger. Ideal wäre es, geanu auf der Grenze leben zu können. Aber das gelingt uns eben nicht, eben auch, weil wir nicht genau wissen wo sie verläuft...

Das klingt nun etwas schematisch und das ist Absicht, damit der Unterschied deutlich wird. In unserer menschlichen Wirklichkeit ist das komplizierter. Aber bei der Frage nach dem rechten Maß geht es genau um diese Frage nach der Grenze. Kann ich sie glasklar für mich formulieren? Weiß ich, wie viel Alkohol für mich gut ist? Und wenn ja, wie gehe ich damit um? Bleibe ich freiwillig drunter oder sage ich auch mal: »Man muss sich auch mal was gönnen!« Wir Menschen sind oft nicht so vernünftig, sondern von Gefühlen und Stimmungen und Befürchtungen und Sehnsüchten bestimmt. Beim Umgang mit Alkohol und tausend anderen Dingen, Essen, Sport, Fernsehen und Computer oder was auch immer. Und aus diesem Dilemma können wir nicht aussteigen und müssen als Christen damit klar kommen. Also fragen wir uns:

Was haben wir als Christinnen und Christen an dieser Stelle von unserem Glauben, unserem Vertrauen auf Gott, den Vater Jesu?

Erwarten Sie jetzt bitte keine exakte Antwort auf die Frage, wie das rechte Maß zu finden ist. Ich kann im Rahmen einer Predigt nur Gedankenanstöße, Hinweise gegen. Alles andere ist eine Frage der Seelsorge, wenn es darum geht, für mich herauszufinden, wie das mit den Grenzen in meinem Leben ist, oder ganz konkret: mit dem Umgang mit Alkohol.

Drei kurze Gedanken.

1. Niemand kommt zu kurz.

Gott verspricht uns genug zum Leben. Der Glaube akzeptiert diese Sicht dankbar. Daher glaube ich, tun wir Christen gut daran unter der Grenze zu bleiben. Weil es gefährlich ist. In manchen Fällen des Lebens ist es gut und richtig, an die Grenzen zu gehen und manchmal auch darüber. Aber bei Dingen wie Alkohol mit Gefährdungs- und Suchtpotential ist es vielleicht besser, drunter bleiben.

2. Wer sündigt, darf umkehren.

Wenn das jetzt für manchen wie Spielverderberei klingt, mag sein. Aber ich bleibe dabei: Wenn ich nicht zu kurz komme, genug bekommen kann im Leben aus dem Glauben heraus, dann kann ich diese Haltung lernen einzunehmen. Eingebettet ist sie in das Angebot, immer wieder umkehren und neu anfangen zu dürfen. Denn so vernünftig wir so oft sein wollen, das Geflecht von Verführung und Versuchung ist mächtig. Der Geist ist willig, das Fleisch schwach, sagt Paulus einmal. O ja. Aber Gott bietet uns Umkehr an. Das alte und abgegriffene Wort Buße heißt auf Deutsch nichts anderes als: Umkehr. Wenn das keine Lebensperspektive im Dschungel unserer Verflochtenheiten ist, dann weiß ich es auch nicht.

3. Eigentlich banal: Niemand muss Alkohol trinken.

Das ist so selbstverständlich, muss aber dennoch genannt werden. Auch hier gilt: die Grenze, ab wann Alkohol für mich gefährlich ist, ab wann ich abhängig bin, ist immer nur individuell zu beantworten. Mediziner und Psychologen können da Hinweise geben und Mittelwerte bestimmen. Aber nur eins zählt am Ende vor mir und vor Gott: Ich gestehe mir und anderen ein, dass ich mit Alkohol ein Problem habe. Die Menge spielt keine Rolle. Und das ist zu akzeptieren, und da haben wir manchmal in der Gesellschaft ein Problem.

Aber auch sonst gilt: Niemand muss Alkohol trinken. Das ist eigentlich selbstverständlich. Und muss dennoch gesagt werden. Denn zum Alkoholgenuss wird immer wieder genötigt, nicht nur in den Jugendcliquen, auch unter Erwachsenen. Mein Eindruck ist zwar, dass es heute eher als früher akzeptiert wird, wenn jemand sagt: ich trinke nicht, oder: ich trinke heute nicht, aber so Sätze wie: »Ach komm, das eine Glas...« Oder: »Wir müssen doch anstoßen...«, die gibt es immer noch. Aus christlicher Grundhaltung heraus geht so etwas überhaupt nicht.

Alkohol. Eine gute Gabe Gottes, ein furchtbares Suchtmittel. Irgendwie können, müssen, dürfen wir unseren Weg damit finden. Gott sei Dank, dass wir dabei nicht allein sind, dass Umkehr, Einsicht, Neuanfang immer und jederzeit möglich sind.

Amen.