MJ

Johannes der Täufer und der Reichtumsbericht NRW 2004
Predigt am 3. Advent 2004 über Lukas 3,1-14

Liebe Gemeinde,

in der Adventszeit geht es um Licht und Finsternis, um Sehnsucht und Erwartung, um Vorfreude und Erfüllung. Jeder der vier Sonntage hat dabei seinen eigenen Akzent. Am dritten Advent stehen ernstere Töne im Vordergrund. Die Finsternis der Welt rückt in den Mittelpunkt. Dies macht auch der heutige Predigttext deutlich, in dem es um Johannes den Täufer geht.

- Lesung: Lukas 3,1-14 -

Ein radikaler Prediger wird uns hier vor Augen gestellt. Er ruft nach Umkehr mit drastischen Worten, kündigt das Ende der Welt an. Euer Leben ist nicht in Ordnung, das Reich Gottes ist nahe, erkennt die Zeichen der Zeit! Er muss ein kraftvoller Redner gewesen sein. Die Menschen, so hören wir, strömen zu ihm an den Jordan. Vielleicht auch nur aus sensationsgeiler Neugier. Aber immerhin, er hat Erfolg, Menschen sind bereit zur Umkehr, erbitten die Taufe.

Johannes steht in der Tradition der alttestamentlichen Propheten wie Amos, Jesaja und Jeremia. Sie alle traten auf im Namen Gottes und verkündeten: so wie ihr lebt, lebt ihr nicht nach dem Willen Gottes! Der Wille Gottes bedeutet, dass jeder gut leben kann, genügend hat zum Leben, zufrieden leben kann. Also dass jeder Mensch zu essen und zu trinken hat, ein Dach über dem Kopf hat, in Frieden leben kann, sinnvolle Arbeit hat. Und so geißelten die Propheten vielfältige Missstände, die dazu beitragen, das menschliche Leben zu zerstören, weil es diesem Willen Gottes nach einem guten Leben widerspricht: Betrug, Rechtsbeugung, Ausbeutung, zu hohe Steuern, aber auch Mord, sexuelle Verfehlungen und luxuriöse Verschwendung. Die Liste war lang und die Propheten unbeliebt - bei denen, die sich kritisiert oder auch ertappt fühlten. Manch einer saß im Gefängnis oder musste fliehen, weil ihm nach dem Leben getrachtet wurde von Königen oder reichen Bürgern, denen die Predigt der Propheten nicht gefiel. So ging es dann später ja auch Johannes selbst, er verlor buchstäblich seinen Kopf, da er den König Herodes anklagte.

Aber soweit ist es hier noch nicht. Noch ertönt seine harsche und harte Bußpredigt. Umkehr fordert er, rechtschaffene Früchte der Buße, also ein Leben nach dem Willen Gottes. Und er hat Erfolg, die Menschen fragen ihn, was sollen wir denn nun tun? Die Antworten, die Johannes gab, haben immer wieder überrascht, weil sie doch sogar nicht zu der radikalen Predigt passen: wer zwei Hemden, soll eins abgeben, die Zöllner sollen aufhören zu betrügen, die Soldaten sollen keine Gewalt oder Unrecht zufügen. Eigentlich würde man erwarten, dass Johannes sagt: verkauft alles, zieht euch so an wie ich, lebt mit mir in der Wüste und ernährt euch von Heuschrecken. Aber nein, er sagt: bleibt wo ihr seid aber lebt von nun an anders!

Vielleicht ist das ja aber auch so: zum Aufrütteln, wach werden brauchen wir manchmal drastische Worte, damit wir erschrecken und aus unseren gewohnten Denkmustern herausgerissen werden. Aber wenn wir dann wach sind, dann haben wir auch die konkreten Schritte nötig, und das sind in der Regel ganz kleine Schritte.

Morgen wird es in Düsseldorf im Landeskirchenamt eine öffentliche Veranstaltung geben, auf der die Sozialministerin von NRW, Birgit Fischer, den Sozialbericht 2004 vorstellen wird. Dieser Bericht ist vor ein paar Tagen erschienen. Auf mehr als 400 Seiten geht es um eine Beschreibung von Armut in NRW, aber, und das ist noch recht neu: es geht auch um den Reichtum im Land.

Da lesen wir z. B., dass die Sparguthaben der Deutschen etwa 1,4 Billionen Euro umfassen und damit etwa so hoch sind, wie alle Schulen von Bund, Ländern und Gemeinden. Deutschland, so wird dort gesagt, ist nach wie vor eines der reichsten Länder dieser Erde, und doch ist kein Geld da für öffentliche Einrichtungen, Bildung und vieles mehr. Und dann wird gefragt, woran liegt denn das? Die Antworten sind nun nicht neu, aber sie stehen immerhin in einem öffentlichen Bericht einer Landesregierung, die von den Parteien getragen wird, die auch in Berlin die Verantwortung tragen.

Da wird gesagt:

- Dreiviertel der Deutschen leben im Wohlstand. Wohlstand, dass heißt, ich habe genug, dass ich gut leben kann. Die Spannbreite ist da natürlich weit - sie reicht vom Ehepaar mit zwei Kindern, dass in der Etagenmietwohnung lebt und alle Rechnungen bezahlen kann bis hin zum Superreichen mit Villa und riesigem Grundstück. Aber immerhin, dreiviertel haben genug, um gut leben zu können. Aber ein viertel allerdings nicht.

Da wird gesagt:

- Je mehr ich verdiene, desto größer werden meine Chancen, Steuern zu sparen. Von Steuergerechtigkeit - so dieser offizieller Bericht - sind wir inzwischen meilenweit entfernt. Die Abgabenlast trifft vor allem Arbeiter und Angestellte, viele sehr wohlhabende Bürgerinnen und Bürger tragen angesichts ihres Einkommens relativ wenig zu den öffentlichen Aufgaben bei.

Da wird gesagt:

- Nach wie vor ist es vor allem in Deutschland so, dass meine soziale Herkunft über meine Bildungschancen entscheidet. Wer in Armut aufwächst, hat kaum die Chance, aufzusteigen, wer in Reichtum aufwächst, bleibt in aller Regel auf der Sonnenseite des Lebens. Alle Anstrengungen, im Bildungssystem durch gute Schulleistungen aufsteigen zu können, sind vergebens. Nur eine kleine Minderheit schafft dies.

Da wird gesagt:

- Seit Jahren steigen die Gewinne der Unternehmer und Selbständigen und die realen Einkommen der Arbeitnehmerinnen Arbeitnehmer sinken. Von den Versprechungen, bei sinkenden Unternehmersteuern verstärkt zu investieren, ist nie etwas umgesetzt worden.

Nun will der Reichtumsbericht nicht zu einer Neiddebatte aufrufen. Aber er erinnert doch an das alte Schlagwort: Reichtum bzw. Eigentum verpflichtet! Der Bericht haut damit nicht auf die Pauke. Von einer Bußpredigt des Johannes ist er meilenweit entfernt. Aber ich hatte so beim Lesen das Gefühl, er sagt ziemlich leise Dinge, die Johannes in der ihm eigenen Art den Menschen um die Ohren gehauen hätte:

- Ist es nicht ein Skandal, dass die Reichen Steuern sparen können und die Armen unter den Abgabenlasten erdrückt werden?

- Ist es nicht unglaublich, dass in einem der reichsten Länder der Erde ein Viertel der Menschen nicht genug zum Leben hat, um gut leben zu können, so wie es dem Willen Gottes entspricht?

- Kann das denn wahr sein, dass in diesem Land seit Jahrzehnten von Aufstieg und Bildung für alle gesprochen wird, und dann festgestellt wird, dass das für die Mehrheit der jungen Menschen aus ärmeren Verhältnissen leere Worte sind?

- Ist das nicht Betrug und Lüge, wenn Unternehmer nach Steuersenkungen schreien, um investieren zu können, und dann, wenn diese Senkungen kommen - nichts passiert?

Sicher, solche harten und harschen Worte sind immer auch ungerecht, weil sie pauschal sind. Aber Johannes hätte gesagt, wenn meine provozierenden Worte zum Umdenken und Umkehren führen, dann sind auch Härte und Ungerechtigkeit zunächst angemessen.

Und was sollen wir tun? So haben die Menschen Johannes gefragt und so fragen Menschen heute auch. Der Sozialbericht gibt da auch Hinweise, fordert gerechte Besteuerung und so weiter. Einen sehr interessanten Gedanken fand ich in dem einführenden Beitrag zum Bericht von dem katholischen Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Er fragt: ist es eigentlich zu verantworten, dass Menschen erben? Wenn Sie jetzt erst einmal die Stirn runzeln, lade ich Sie ein, erst einmal den ganzen Gedankengang Hengsbachs zu hören.

Er fragt: was heißt den erben? Erben heißt doch, ich bekomme nach dem Tod meiner Eltern das, was diese durch ihre Arbeit erreicht und geschaffen haben. Irgendwer muss es ja bekommen. Aber Hengsbach fragt: wieso bekommen das eigentlich die Kinder? Die haben doch dieses Erbe nicht mit ihrer Hände Arbeit aufgebaut. Und so plädiert er für eine drastische Erhöhung der Erbschaftssteuer. Denn, so Hengsbach weiter, es kann doch nicht sein, dass der, der das Glück hat, dass seine Eltern ihm was hinterlassen können besser dasteht als jemand, dessen Eltern nichts zu vererben haben. Beide haben nichts dazu getan. Also, so Hengsbach, müsste doch hier ein sozialer Ausgleich kommen: derjenige der erben kann, muss sozusagen einen Teil des Besitzes, der ihm nun in den Schoß fällt, erneut erarbeiten - und so zugleich etwas in die öffentlichen Kassen einzahlen, z.B. für unsere Bildungseinrichtungen, damit sie in die Lage versetzt werden, dafür zu sorgen, dass auch der, der arm geboren wird, eine höhere Schulausbildung erreichen kann. Bedenkt man, was so alles in den nächsten Jahren in unserem Land vererbt werden wird, wäre das ein echter Beitrag zur Entlastung der leeren Kassen und zugleich ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit im Sinne des Schlagwortes: Eigentum verpflichtet!

Ich muss sagen, erst habe ich auch geschluckt. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr leuchtet mir der Gedanke ein. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass Johannes an diesem Vorschlag auch seine Freude gehabt hätte.

Amen.