Matthias Jung

 

 

 

 

2011 - An Main und Lahn entlang

 

 

Aus privaten Gründen musste in diesem Jahr eine geplante Reise in die Berge leider abgesagt werden, ersatzweise war es aber möglich, 550 Kilometer (weitgehend) an Main und Lahn entlang zu fahren.

 

1. Tag Kitzingen - Marktheidenfeld (119 Kilometer)

Am ersten Tag starte ich bei strahlendem Wetter in Kitzingen und mache mich auf den Maintalradweg. Da ich nicht weiß, was mich erwartet, habe ich noch keine Unterkunft gebucht, ich will erst mal schauen, wie es sich anlässt.

Bis Würzburg verläuft die Strecke eher unspektakulär, aber einfach. Der Radweg ist hervorragend ausgeschildert und in gutem Zustand. Schnell ist denn auch Würzburg erreicht, ich mache einen - kurzen - Abstecher in die Innenstadt und dann gehts weiter. Zwischendurch ergeben sich schon mal schöne Ausblicke, ich mache aber relativ wenig Fotos, der Weg ist noch weit.

Und leider zieht sich das Wetter auch langsam zu, Regen ist durchaus im Rahmen des Möglichen, so die Vorhersage. Noch ist aber alles trocken und so geht es Richtung Karlstadt.

Die Hügel rechts und links werden höher, die Wolken dunkler und dann fängt es auch schon an, leicht zu regnen. Das macht die Sache etwas trister, aber der Wind kommt von hinten und schiebt mich nach Norden, so geht es flott voran.

Schnell ist dann Gemünden erreicht, die Strecke geht jetzt nach Westen, der Wind kommt langsam unangenehm von der Seite. Ich denke ein paar Mal, wenn jetzt die Sonne scheinen würde, wäre das vermutlich eine tolle Landschaft. Aber der Himmel wird immer düsterer.

Lohr wird durchfahren und jetzt wird es eklig. Es geht nun nach Süden, der Wind kommt von vorne und der Regen nimmt heftig zu. Überall sehe ich jetzt Radwanderer, die Schutz suchen unter Bäumen. Mit meinen guten Regenklamotten lässt es sich gut fahren, obwohl das natürlich keinen Spaß mehr macht.

Ziemlich platt erreiche ich dann Marktheidenfeld und stürme in das erste Hotel, das am Mainkai liegt. Schönes Zimmer, Dusche, draußen schüttet es, das stört mich jetzt nicht mehr.

 

 

2. Tag: Marktheidenfeld - Aschaffenburg (102 Kilometer)

Schoin um 7 Uhr bekomme ich Frühstück, unterhalte mich angeregt mit der Chefin des Hotel Mainblick über die Vorteile des frühen Aufstehens. Um 8 Uhr bin ich auf dem Rad, es ist noch trocken.

Der Abschnitt nun über Wertheim bis nach Miltenberg wird in meiner Erinnerung der schönste Abschnitt der ganzen Maintaltour bleiben. Hügelig, abwechslungsreich, gefällt mir gut, und ich bin um die frühe Uhrzeit völlig allein unterwegs.

Diese Skulptur steht auf einer Mainbrücke, leider habe ich den Ortnsamen vergessen. Anders als in meinen Radreisen in den Alpen bin ich geografisch trotz Karte wenig im Bilde, wo ich mich gerade befinde, dazu war die Zeit der Vorbereitung einfach zu kurz. Ich lasse mich von der Beschilderung und dem Flussverlauf leiten, die Orte rauschen an mir vorbei, ohne sich in meinem Kopf einzuprägen.

Viele Kurven macht der Main hier, kleine Städtchen tauchen auf und bleiben zurück, das ist alles gut zu fahren, kein Regen. Das bleibt aber leider nicht so, es fängt dann doch wieder an, aber nicht so stark wie am Vortag. In Miltenberg stürme ich hungrig einen Supermarkt, kaufe ein paar Frikadellen und noch Cola und Wasser, dann geht es weiter.

Hinter Miltenberg fand ich den Abschnitt bis Aschaffenburg eher langweilig. Ein oder zweimal habe ich den Eindruck, dass die Beschilderung nicht ganz so toll ist, es kann sein, dass ich eine Zeitlang auf der "falschen" Seite gefahren bin. Man kann ja weitgehend an beiden Mainufern mit dem Rad fahren, der eigentliche Fernradweg wechselt mal von hier nach da die Seite.

Relativ früh bin ich dann in Aschaffenburg, meine Unterkunft hatte ich schon am Vortag gebucht. Nachmittags laufe ich ein wenig in der Stadt umher, gefällt mir gut, interessante Fußgängerzone und schöne kleine Altstadt mit vielen kleinen Restaurants, in einem esse ich dann zu Abend und freue mich über den hessischen Dialekt.

 

 

3. Tag: Aschaffenburg - Mainz (95 Kilometer)

Auch in Aschaffenburg gibt es ein frühes Frühstück und so bin ich auch hier schon gegen 8 Uhr wieder unterwegs. Ausgangs der Stadt noch ein kleiner Blick zurück.

Zunächst verläuft die Strecke eher langweilig Richtung Hanau, aber dann wird es doch interessanter, bei recht gutem Wetter, Sonne und Wolken, nicht zu warm - aber heftige Gewitter sind für den Nachmittag angesagt, so dass mein Blick immer wieder bang nach oben geht. Aber außer dunklen Wolken, die sich auch mal wieder verziehen, ist keine Gefahr. Ab und zu Industrieanlagen, dann wieder verläuft der Radweg durch Felder und Wiesen. Hinter Hanau geht es dann direkt am Main Richtung Offenbach und es kommt der Moment, an dem sich zum ersten Mal die Skyline von Frankfurt in weiter Ferne zeigt. Ist schon ein spektakulärer Anblick. Bis dahin sind es aber noch etwa 20 Kilometer, erst kommt noch Offenbach mit einer seltsam langweiligen Uferpromenade und dann bin ich überraschend schnell in Frankfurt und fahre in Sachsenhausen am Main entlang und bestaune die Bankentürme auf der anderen Seite.

Ich mache hier Rast und esse ein paar Müsliriegel und eine Tafel Schokolade, so das übliche Mittagessen. Dann geht es weiter Richtung Mainz.

Jetzt wird es gräßlich. Erst mal ist die Landschaft nicht so toll, das hatte ich auch erwartet. Aber leider ist auch der Radweg in teils sehr schlechtem Zustand, teilweise garnicht vorhanden oder im "Umbau". Ziemlich genervt suche ich mir den Weg Richtung Mainz, da hätte ich auch mit der S-Bahn fahren können, also, das ist der Tiefpunkt der ganzen Reise. Zudem zieht es sich immer mehr zu. Ziemlich dunkle Wolken türmen sich über dem Taunus auf, daher hege ich die Hoffnung, dass ich doch noch trocken nach Mainz komme. An ein oder zwei Stellen muss ich Passanten nach dem Weg fragen, irgendwie geht nichts mehr richtig, eine echte Katastrophe, da der Himmel immer schwärzer wird. Auch in Mainz-Kastel muss ich nach dem Weg fragen, weil die Beschilderung - wenn überhaupt vorhanden - für mich nicht zu finden ist. Endlich erreiche ich die Rheinbrücke und frage mich zu meinem Hotel durch.

Ungelogen: Buchstäblich in der Minute, nachdem ich mein Gepäck abgeladen habe und ich das Rad im Fahrradkeller verstaut habe, bricht das Gewitter los, heftiger Platzregen. Das ganze hält auch eine ziemliche Weile an, was mir ganz schön zu schaffen macht, da ich ziemlichen Hunger habe und erst mal einkaufen müßte.

Später mache ich mich auf den Weg nach St. Stephan, ich möchte mir noch mal die Chagall-Fenster anschauen, die ich vor einer Ewigkeit schon mal "live" gesehen hatte. Prompt kommt der nächste heftige Wolkenbruch, aber schließlich komme ich doch noch hin und bestaune die filigrane Arbeit Chagalls aufs Neue, eine wunderbare Atmosphäre in dieser Kirche, auch wenn die Sonne nicht scheint.

Der Tag klingt beim Italiener mit einer Pizza, einem Glas Wein und einem Grappa aus.

 

 

4. Tag: Mainz - Wetzlar (100 Kilometer)

In Wetzlar wohnen meine Eltern, die wollte ich besuchen, daher hatte ich beschlossen, von Mainz nach Wetzlar zu fahren. Leider hatte ich das nicht so richtig gut vorbereitet, mir fehlte zum Teil auch das Kartenmaterial, so dass es eine echt anstrengende Geschichte wurde.

Aus Mainz kam ich flott raus, von der Brücke aus ist weit voraus schon der Taunus zu sehen, erst mal geht es wieder nach Kastel und dann Richtung Flörsheim, aber diesmal NICHT über den Mainradweg, sondern an der B 40 entlang. Kein Problem. Auch in Flörsheim finde ich schnell die Straße Richtung Königsstein. Zwischendurch zeigt sich in der Ferne immer mal wieder die Skyline von Frankfurt.

Leider geht es da dann ganz kräftig den Berg hinauf. Das hatte ich nicht erwartet und ich puste ganz schön. Reichlich platt schon mit dem ganzen Gepäck hinten drauf komme ich dann irgendwann dort an und freue mich darüber, dass es Richtung Oberursel schön wieder runter geht.

Doch dann passiert mir der große Fehler, ich will Richtung Usingen und schlage den Weg zur Saalburg ein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass die auf 450 Meter liegt! Zudem darf ich die Straße nicht benutzen, sondern werde auf einen Feld- und Waldweg gelotst und quäle mich darauf nach oben. Völlig erledigt komme ich oben an und habe keine Ahnung, wie es jezt weiter geht. Beschilderung? Fehlanzeige! Ich frage einen älteren Radfahrer mit Rennrad, der gibt mir einen guten Tipp, ich fahre eine schmale kleine Straße Richtung irgendwo hinunter und komme dann auch schließlich nach Usingen.

Mittagessen, eine Tankstelle hat offen (es ist Fronleichnam), ich kaufe mir Schokolade und schlinge sie herunter. Dann geht es weiter Richtung Grävenwiesbach, wieder erst mal hoch und hoch, dann wieder runter. Nach Grävenwiesbach geht es - natürlich wieder bergauf, bis dann endlich die Abbiegung Richtung Waldsolms kommt. Selbstverständlich steigt die Straße dann wieder eine Zeitlang an.

Naja, irgendwann gehts dann runter und ab Waldsolms kenne ich mich aus, es gibt noch eine paar kleine Steigungen, aber dann habe ich es geschafft. Die letzten 20 Minuten beginnt es dann auch noch mal zu regnen, so dass ich heilfroh bin, bei meinen Eltern vor der Tür zu stehen.

Später schaue ich dann noch mal auf meinen Tacho und stelle schockiert fest, dass sich da 1400 Höhenmeter summiert haben. Das entspricht einem anständigen Alpenpass von der Höhe, damit hätte ich niemals gerechnet, aber es erklärt, warum ich völlig erledigt bin...

 

 

5. Tag: Wetzlar - Koblenz (140 Kilometer)

Nach einem Ruhetag fahre ich noch die Lahn hinunter nach Koblenz. Vor Jahren habe ich das schon mal gemacht und hatte die Strecke eigentlich in guter Erinnerung. Diesmal wird es anders. Zunächst bis Weilburg geht es eher langweilig dahin, teilweise auf einer vielbefahrenen Straße. Das Wetter ist recht kühl, aber trocken, bewölkt. Weilburg ist schön anzusehen, einmal ein paar Kurven, über die Lahn rüber und dann weiter. Es ist frühmorgens und sehr wenig los, ich kann meinen Gedanken nachhängen - wenn der Radweg in gutem Zustand ist, was leider sehr oft nicht der Fall ist. Viele Bodenwellen schütteln und rütteln mich durch. So richtig Spaß macht es daher nur selten. Der Weg ist auch relativ schmal, so dass ich froh bin, dass keine oder nur sehr wenige Radfahrer(innen) unterwegs sind. Wenn hier bei gutem Wetter Hochbetrieb sein sollte, dürfte das Vorankommen ganz schön eingeschränkt sein.

Nach etwa 70 Kilometern erreiche ich Limburg, vorher geht es unter den Brücken der Hochgeschwindigkeitstrasse der Bahn und der A3 hindurch. Vom Radweg aus ist von Limburg nur der Dom zu sehen, der auf einem Hügel liegt.

Kurz hinter Limburg beginnt es dann zu regnen, und es wird nicht mehr aufhören an diesem Tag. Zwar ist das nur ein leichter Regen, aber bei den Temperaturen muss ich doch Hose, Pullover und Regenjacke anziehen, ganz toll. Und noch mal 70 Kilometer bis nach Koblenz... Ich hab auch keine Lust mehr auf Fotos, die Kameratasche ist zudem dick eingepackt, damit kein Wasser an die Canon kommt.

Der dickste Brocken kommt dann in Geilnau, hier geht es jetzt mehrere Kilometer steil hinauf nach Holzappel, das ist mit Gepäck ganz schön hart. Erst gehts durch Wald, aber am Ende über freies Feld, da pfeifft ein sehr frischer Wind und alles um mich herum ist grau in grau. Eigentlich ein Grund, um Depressionen zu bekommen, aber dafür bin ich schon zu platt. Die Abfahrt runter nach Bad Laurenburg ist steil und kalt.

Danach wird es dann fürchterlich. Zum einen das Wetter, zum zweiten meine immer noch sehr müden Beine und dann geht es immer und immer wieder hoch, ja, zwar auch mal wieder runter, aber der ständige Wechsel stresst mich gewaltig. Irgendwo halte ich noch mal an, stürme einen Supermarkt, kaufe zwei Flaschen Wasser und eine Packung Frikadellen, die ich wieder an Ort und Stelle vertilge, dann geht es weiter.

Erst hinter Bad Ems wird es dann gleichmäßiger, eine Radfahrerin überholt mich in flottem Tempo und ich hänge mich an sie ran, das hat den Vorteil, dass ich auf die Unebenheiten besser vorbereitet bin, macht sie einen Schlenker, dann heißt es Vorsicht!

So erreiche ich dann endlich (!) völlig ausgepumpt Lahnstein und erschrecke über die Angabe: Koblenz, 10 Kilometer. Nun, am Ende sind es nicht ganz so viel, es geht am Rhein entlang, dann durch einen Ort, dessen Name ich überhaupt nicht mehr registriere, dann über eine schmale Eisenbahnbrücke nach Koblenz hinein. Es gibt zwar zunächst Hinweisschilder für Radfahrer: "Hauptbahnhof", aber dann sind die verschwunden. Ich muss ein paar Mal fragen, doch dann endlich stehe ich vor dem Bahnhof. Rad reingeschoben, Fahrtkarte gekauft, noch eine Flasche Cola und irgendwas zu essen, dann rauf auf den Bahnsteig. Oben ziehe ich die nassen Oberteile aus, ob die älteren Herrschaften jetzt die Nase rümpfen, dass ist mir völlig egal. Schon nach kurzer Zeit kommt der Zug, der mich nach Voerde bringen wird. Da habe ich noch mal Glück gehabt. (Die Höhenmeter summieren sich an diesem Tag denn auch auf fast 900, das hätte ich vorher nicht gedacht...)

Die Rückfahrt mit dem Zug wird dann auch abenteuerlich. Nein, nicht wegen der Bahn, sondern weil sich das Fahrradabteil rasend schnell bis unters Dach füllt, zuletzt schiebt ein Pärchen noch ein Tandem rein. Zum Glück wollen die alle in Düsseldorf wieder aussteigen, sonst hätte das eine echte Verzögerung in Köln oder wo auch immer gegeben, wenn mehr als zehn Räder erst raus und dann wieder rein gemusst hätten...

 

 

Fazit

Radfahren am Fluss hat mir überraschend viel Spass gemacht, aber ich habe mich dann doch etwas überanstrengt und habe Länge und Schwere vor allem der letzten beiden Abschnitte unterschätzt. Lag vielleicht auch daran, dass die Zeit der Vorbereitung sehr knapp war. Dennoch, Lust auf mehr hat es schon gemacht, vielleicht nächstes Jahr mal an der Elbe entlang...?

Den Maintalradweg kann ich zwischen Kitzingen und Frankfurt nur empfehlen, vielleicht werde ich auch mal irgendwann noch den östlichen Teil befahren, ich würde vermuten, dass dieser Abschnitt in ähnlich gutem Zustand ist. In Mainz zu starten oder zu enden lohnt sich nicht, es sei denn, man möchte noch weiter am Rhein entlang fahren.

Der Lahnradweg hat mich enttäuscht, zumindest mit Gepäck ist er anstrengend zu fahren und der Zustand trägt dann noch mehr zum Unbehagen zu. Eigentlich schade, denn landschaftlich ist die Strecke weitgehend sehr reizvoll. Im Sommer werde ich eventuell noch einmal in Wetzlar sein und dann vielleicht mal Richtung Marburg fahren, mich würde interessieren, wie dort der Radweg aussieht.