Matthias Jung

 

 

 

Timmelsjoch
(4. September 2000)

 

Kaum eine andere Straße in den Alpen hat mich bisher so fasziniert wie die Fahrt mit dem Rad hinauf auf das Timmelsjoch. Vergleichbar fand ich die Tour im letzten Jahr in Savoien auf den Col de la Croix der Fer und vielleicht auch noch das Stilfser Joch. Von 350 Meter hinauf auf 2500 – das ist kaum glaublich! Zunächst verlasse ich das mediterrane Meran auf gemächlich steigender Straße. Kuens, Riffian und Saltaus werden erreicht und durchfahren. Es geht ins Passeiertal. Von Weinbergen und Wärme ist nicht mehr viel zu sehen, dafür rücken die Berge näher. Sanft steigt die Straße bis St. Leonard. Kurz kann ich weit rechts oben die Passhöhe des Jaufen sehen, auf der ich einige Tage zuvor im strömenden Regen gestanden habe. Doch heute geht es in die andere Richtung. Bei traumhaftem Wetter steigt die Straße nun stärker. Doch Moos auf 1000 Meter ist bald erreicht.

Nun wird es hart. Mit 13% beginnt die Trasse über einige Kehren zu steigen. Schnell bleibt der schlanke Kirchturm von Moos zurück. Der Nordföhn schiebt nun auch erste Wolken über den Alpenkamm, so dass die Sonne zeitweise verschwindet. Skepsis macht sich in mir breit. Ich erinnere mich an die Fahrt aufs Stilfser Joch im Schneetreiben... Die Straße steigt und steigt und steigt. Von Norden kommen immer mehr Schauerwolken, regnen zum Glück auf der gegenüberliegenden Talseite ab.

Und dann der begeisternde Moment, als sich auf ca. 1700 Metern das Tal nach Westen öffnet und die gigantische Kehrengruppe hinauf zum Scheiteltunnel sichtbar wird.

2000

Glücksgefühl, Erschauern. Mir wird in diesem Moment klar: da musst du heute hinauf, kommen Wetter oder Schmerzen, wie sie wollen. Wer weiß, ob du noch einmal im Leben die Gelegenheit haben wirst, diese Straße mit dem Rad zu befahren.

Aber noch ist es weit. Ich beschließe, im Gasthaus Saltnuss zu Mittag zu essen. Gesagt, getan. Leider muss ich lange warten, weil um 12.00 einige Strassenbauarbeiter immer ihre Mahlzeit bekommen... Doch irgendwann kommen die Hirtenmakkaroni und dann geht es weiter. Schnell erreiche ich den Beginn der Kehren. Die „Einfahrt" ist hart. Kräftig bläst der kalte Föhn mir hier entgegen, dafür dann auf der ersten Rampe von hinten. Es ist nicht so schwer, wie ich dachte. Fernab geht über dem Passeiertal und Meran (wie ich abends erfahre) ein riesiger Schauer nieder, aber hier scheint die Sonne. Obwohl ringsum über den Bergen Schauerwolken zu sehen sind. Weiter und höher geht es. Wieder eine Kehrengruppe.

Tief unten bleiben die Gasthäuser zurück. An einem kleinen Bach fülle ich noch einmal die Wasserflasche. Photographiere viel. Wolken werden immer wieder über den Kamm geschoben, Kaskaden von weiß auf blauem Grund, davor der Fels. Die letzte Kehre. Der Tunnel. Soll ich da hindurch? 515 Meter lang, unbeleuchtet, der Wind pfeift mir entgegen. Aber ich sage mir, wenn du jetzt umkehrst, bereust du es vielleicht dein Leben lang. Klingt pathetisch, aber so war´s da oben. Ich mache die Lampen an, hole tief Luft und los geht’s. Ich habe Glück. Kein Auto kommt von vorn oder hinten. Trotzdem starkes Herzklopfen.

2000

Nach dem Tunnel erwartet mich eisige Kälte, 5 Grad zeigt mein Thermometer noch an. Der Wind nimmt zudem auf Sturmstärke zu. Es schneit leicht. Ich kämpfe mich durch die letzten beiden Tunnel bis zur Passhöhe.

2000

Durch den Sturm wackelt hier alles, was sich bewegen kann. Im Windschatten des alten Grenzüberganggebäudes ziehe ich mich um. Pullover, Windjacke, Windhose, Schal, dicke Handschuhe. Dann mache ich mich auf. Mit großer Vorsicht – doch einigen Juchzern! – fahre ich langsam durch die Tunnel. Der Wind ist mörderisch. Nach dem Scheiteltunnel nimmt er ab und es wird wärmer. Die Abfahrt ist toll. Kaum ein Auto begegnet mir, so dass ich das Rad gut rollen lassen kann. So geht es eigentlich viel zu schnell herunter...

Kurz vor St. Leonard noch einmal Rast, ich ziehe die dicken Klamotten wieder aus. Im Passeiertal habe ich Glück, der Wind weht kräftig von hinten, so dass ich mit Tempo 30-40 schnell Meran wieder erreiche. Hier unten sind es 20 Grad warm und ich bin gar nicht so fertig, wie ich gedacht hatte.